Das Elektroauto und die Rückkehr eines Lebensgefühls

Mittwochmorgen, 8 Uhr irgendwo im Saarland. Ich und meine 5-Jährige haben fix beim DM eingekauft, während Goldie, unser Peugeot e-208, an der Ladesäule hängt. Ich schaue auf den Lademonitor. Paarundsechzig Prozent.

Ich schnappe mir den Handfeger und bürste die Fußmatten sauber, während die Kleine im Einkaufswagen steht und in der Herbstsonne DM-Cracker knabbert. Ich bin fertig, die Kleine steigt ein, ich bring den Einkaufswagen weg und schau wieder auf den Lademonitor. 88 Prozent.

„Beenden“-Button swipen, Stecker einhängen, losfahren. „Daddy“, fragt meine Tochter, „können wir wieder das Lied hören mit dem 'and when the rain's coming, I'll keep the car running?'“. Ich drehe das neue O.A.R.-Album auf, „Three Tinted Windows“. Die Anlage klingt richtig fett. Meine Tochter hört zu und genießt. Ich trete aufs Pedal und spüre, wie der Kleinwagen energisch loszieht.

Ach, ist das geil. Mit Goldie ist für mich ein Lebensgefühl zurückgekehrt.

Handfeste Vorteile im Alltag

Aber wo Du gerade hier bist: Gucken wir doch mal ganz pragmatisch auf den Alltag mit einem E-Auto, dann können wir immer noch übers Lebensgefühl klönen. Denn: Man kann vieles über Elektroautos lesen, aber so manche Fakten haben mich erst in der Praxis so richtig getroffen.

Knackige Leistung

Ich fahre Goldie immer im "Eco"-Modus, dem sparsamsten und am stärksten gedrosselten Fahrmodus. Es gibt noch "Normal" und "Sport", mit dem die vollen 136 PS freigeschaltet sind.

Wenn man das Pedal durchlatscht, prescht Goldie im Eco-Modus energisch nach vorn und zieht spielend selbst den steilen Berg auf dem Weg zur Omi hoch. Im "Sport"-Modus drückt dieser e-208 mich in den Sitz wie ein startendes Flugzeug.

Wir reden hier von einem Kleinwagen, den wir gebraucht für 15.980 Euro geschossen haben!

Leises und gemütliches Fahren

Dabei gleitet das Elektroauto beinah lautlos über die Straße.

Schon mit dem Beginn des Irankriegs hab ich mir angewöhnt, auf der Autobahn ganz gechillt mit 100-110 km/h unterwegs zu sein. Hat die Reichweite meines Benziners, Suzuki Splash, von 680 auf 750 km pro Tank erhöht!

Mein Fahrstil passt jetzt auch wunderbar zu Goldie. Stressfreie Fahrt, kein ständiges Beschleunigen und Abbremsen, und wenn ich doch mal überholen will - Sportmodus rein und vorbei ballern. Dabei summt der Antrieb leise im Hintergrund.

"Goldie" beim Händler, nach der Probefahrt am 24. September 2026
"Goldie" beim Händler, nach der Probefahrt am 24. September 2026

Sparen beim Kraftstoff

Wir sind Mieter, haben keine Wallbox, sind auf öffentliche Schnellladesäulen angewiesen. „Ist das nicht superteuer?“ Nur, wenn man sich blöd anstellt. Ladetarif L bei EnBW: 11,99 Euro Grundgebühr pro Monat, damit kriegt man die kWh-Stunde an EnBW-Ladesäulen für 39 Cent.

EnBW baut sein Netz kontinuierlich aus und höchstwahrscheinlich sind auch in Deiner Nähe schon jetzt Ladestationen. Hier kannste nachgucken und hier kannste Lade-Anbieter vergleichen.

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Mit meinem alten Suzuki Splash bin ich ca. 1400 km pro Monat gefahren. Wer wie ich öfters auf der Autobahn unterwegs ist, zahlt für die Distanz Stand heute, 28. Oktober 2026, 167 Euro für Super vs. 121 Euro für Strom (inkl. EnBW-Abogebühr). Selbst vor dem Irankrieg waren es 133 Euro für Super für die gleiche Strecke, während der Strom für den e-208 im Sommer nur 94 Euro kostet.

Laden, Reichweite und der echte Alltag

Es ist Oktober, es wird kälter, der Winter kommt, die Reichweite knickt ein. Wir sind 1-3x pro Woche an der Schnellladesäule, um nachzuladen. Ist schon eine Umstellung im Leben!

„Alter, das klingt nervig.“

Ja, aber ich hab dazu ein Gegenargument:

Nö.

Die drei Ladeszenarien aus meiner bisherigen Erfahrung:

Ladeszenario 1: beim Shopping

Ladestation vor'm DM und Aldi. 35% Akku. Auto anschließen, einkaufen gehen, bäm: 78% Akku. Weiterfahren.

Nervfaktor: negativ. Nach dem Supermarkt auch noch zur Tankstelle fahren müssen ist nerviger.

Ladeszenario 2: zwischendurch

Ach guck ma da, Akku ist bei 37%. Schnell noch ein Schlenker zur Ladesäule. 5-10 Minuten Musik oder Podcast hören, bada bing, Akku auf 54%. Weiterfahren.

Nervfaktor: minimal. Die paar Minuten machen die Wutz nicht fett. Und auch wenn's mit Verbrenner seltener nötig ist: Zur Tanke fahren, tanken, ins Häuschen, in die Schlange stellen, zahlen, wieder zurück ins Auto dauert genau so lang oder länger und ist weniger bequem.

„Wenn man Neulinge fragt, sagen 90%, die Reichweite ist das Hauptthema. Wenn man Leute fragt, die seit Jahren E-Auto fahren, dann sagen 90%, die Reichweite ist völlig egal.“

- Prof. Martin Doppelbauer im Podcast „Geladen“

Ladeszenario 3: Langstrecke

ABRP anwerfen, Ziel eingeben. Die App holt sich vom OBD2-Adapter, den Du natürlich als gewiefter E-Auto-Fuchs installiert hast, Livedaten wie Batteriestand, Verbrauch, Spannung, Akkutemperatur etc. in Echtzeit vom Fahrzeug. Sie kennt Topographie, Temperaturen, Windverhältnisse, Wetter und mehr. So rechnet ABRP mit maximaler Präzision Deine Route aus, inklusive Ladestopps bei Deinem Wunschanbieter. Wenn nötig, bessert das Tool unterwegs Dank Live-Überwachung nach.

Nervfaktor: ehrlich gesagt auch minimal. Ich komme super entspannt ans Ziel, lade unterwegs schnell und preiswert nach. Klar, so eine Fahrt vom Saarland in den Taunus wird halt durch einen Ladestopp 5-15 Minuten länger als mit Benziner (wenn man nicht gerade voll geladen losfährt). Aber damit kann ich leben.

ABRP (A Better Route Planner) zeigt während der Fahrt auf dem Smartphone Livedaten zur Route an. Auf diesem Bildschirm sieht man z.B. auf dem Balken die geschätzte Ladung bei Ankunft (66%) vs aktuelle Ladung (76%). In der Tabelle steht sogar der State of Health der Batterie (Degradation: 9.4%, d.h. Goldies SoH ist 90,6%).
ABRP ist via Android Auto mit dem Multimedia-System des Fahrzeugs verbunden und die Karte wird direkt auf dessen Touchscreen angezeigt. Inklusive aktuellem Tempolimit vs. aktueller Geschwindigkeit, Ankunftszeit & übriger Fahrtdauer, Akkustand vs. Akkustand am Ziel und all die schönen anderen Routenplanerdinge. Full Disclosure: Android Auto-Anbindung / iOS CarPlay kostet bei ABRP 4 Euro im Monat.

Das zurückgewonnene Lebensgefühl

Und damit sind wir bei einem Thema, das sich nicht beziffern lässt, das nicht übertragbar ist, sondern maximal individuell. Your mileage may and most certainly will vary, denn jetzt kommen gänzlich persönliche Empfindungen.

Fahren war mal geil

Irgendwann in den frühen 2000ern. Ich bin Anfang 20, sitze am Steuer meines Seat Arosa. Die Robbie Williams CD ist laut aufgedreht, ich bin auf dem Weg zu einem Termin für die Taunus Zeitung. Ein typischer Tag, denn ich war neben dem Studium praktisch täglich als Reporter für die Lokalpresse unterwegs.

Jeden Tag andere Eindrücke, Menschen, Gespräche, Ideen, Initiativen, Persönlichkeiten. Maximale Vielfalt, es ist nie langweilig und das Fotografieren und Schreiben macht einen Riesenspaß.

Jedes Mal vor der Fahrt die CDs aussuchen, die ich unterwegs hören will. Oasis, Frankie goes to Hollywood, Linkin Park. Jede Fahrt ist die Straße, ich und die Musik.

Fahren ist ganz ok

Es ist Mitte 2026. Ich sitze in meinem Suzuki Splash. Ein zuverlässiger Begleiter im Alltag, er meckert nicht, er hat keine Macken selbst bei 145.000 km, er bringt mich ans Ziel. Fahren mit dem Suzuki ist... okay. Das beschissene CD-Radio hat Probleme, CDs abzuspielen. Die Anlage klingt eh nicht besonders gut und manche Musik, die ich hören will, gibt's überhaupt nicht auf CD. Also hör ich Podcasts.

Der Suzuki ächzt und röhrt. Kommt im zweiten Gang grad' so den steilen Berg zur Omi hoch. Nicht falsch verstehen, er ist ein richtig solides Auto und macht Suzukis Ruf der Langlebigkeit alle Ehre. Aber es ist 2026. Er ist ein Verbrenner. Er ist Baujahr 2010 mit der Technologie meines ganz alten Arosa.

Ja, Fahren hat immer noch seinen Spaßfaktor. Podcasts sind cool und ich freu mich, die auf dem Weg in den Taunus zu hören. Aber wenn ich ehrlich bin, hab ich längst keinen Bock mehr, für 2,35 Steine pro Liter CO2 in die Klimakatastrophe zu pusten.

Ich spüre, dass der Suzuki der Vergangenheit angehört und ich will Teil der Zukunft sein.

Fahren ist wieder geil

Ende 2026. „Ein wildes Peugeot e-208 ist aufgetaucht“ und zeigt, was ich mit einem gebrauchten (!) E-Kleinwagen heute haben kann.

  • Ich presche geschmeidig und wendig durch die Straßen.
  • Der Motor hält dabei einfach die Schnauze.
  • Dabei verbrenne ich nix, aber auch überhaupt nix.
  • Ich fahr an Tankstellen vorbei und mein Mittelfinger zuckt.
  • My Girl Taylor zwitschert mir was vom Cruel Summer und klingt dabei dynamisch, warm und druckvoll.

Jaa. Die Mucke kann ich auch im Verbrenner mit einer anständigen Anlage haben. Trotzdem schön, satten Klang im e-208 serienmäßig zu kriegen.

Armin van Buuren sagte zu seinem 2022er Album „Feel Again“, es sei Zeit für die Menschen, nach der Corona-Zeit wieder zu fühlen.

Ich fühle am Steuer wieder.

Ja, ja. Der reiche Papi hat beim Erfolg geholfen. Milliardärin, Privatjet. Aber sie sieht super aus, ist kreativ und ich steh auf ihre Musik. Moralvorstellungen machen mich nicht blind oder taub ;-)
Ja, ja. Der reiche Papi hat beim Erfolg geholfen. Milliardärin, Privatjet. Aber sie sieht super aus, ist kreativ und ich steh auf ihre Musik. Moralvorstellungen machen mich nicht blind oder taub 😉

Noch mal schnell mit dem Auto los

Zu weit für Fuß oder Fahrrad. Mit dem Auto nicht zu rechtfertigen, weil CO2 und Spritkosten.

In diese Kategorie sind bisher so manche Sachen gefallen. Too Good to Go zum Beispiel, die App, über die man Überraschungstüten voller leckerer Sachen knapp am Verfallsdatum schnappen kann. Mit Goldie um 19:30 noch mal in den Nachbarort, Gemüsetüte einsammeln? Klar! Die Kleine kommt mit, meine Frau hat ne halbe bis Dreiviertelstunde sturmfrei.

6 Euro.
6 Euro.

Für mich ist der Spaß am Fahren zurück, nun gepaart mit einem reine(re)n Gewissen und schönerem Bankkonto. Das ist einfach richtig was wert - es ist spürbare Lebensqualität und Leute, ich genieß das einfach.

Ich bin auch ein Fan von Veränderung. Neue Technologien, neue Wohnorte, neue Menschen, Kulturen, neue Lebensgewohnheiten.

Goldie beschleunigt auf der Straße und entschleunigt das Leben. Ladepausen geben Gelegenheit, einfach mal durchzuatmen. Zurücklehnen, Musik hören oder einmal um den Block laufen, Kopf frei kriegen.

Es entstehen kleine Inseln im Alltag, in denen Gedanken streifen, Ideen entspringen, Kreativität blühen kann. Kreativität, die man dann nutzt, um die gefühlt 25 Kilo Gemüse zuzubereiten, die man gerade für 6 Euro gekauft hat 😉

Das liebe Fazit

Von Windows zu Linux, vom Taunus nach Montreal, vom Journalist zum Webdesigner, von der rollenden Ölheizung zum Elektroauto. Es ist nicht die erste Umstellung in meinem Leben, bei der ich ins kalte Wasser gesprungen bin und neue Strukturen entdeckt, geschaffen habe.

Mich überrascht also nicht, dass ich von meinen neuen - und zurückgekehrten - Erfahrungen und Alltagsroutinen mit dem Elektroauto begeistert bin. Belebend und erfrischend, so erlebe ich dieses neue Kapitel. Die Umstellung hält meinen Geist fit, meine Perspektive bleibt in Bewegung und das macht Spaß.

Wie ist das bei Dir? Mit ist natürlich bewusst, dass es genügend Kritikpunkte an Elektroautos gibt. Datenkraken, die Dein ganzes Fahrverhalten mitschneiden. Vollgepumpt mit Elektronik, wo man nix mehr selbst reparieren kann. Der ADAC muss mit einem Kran anrücken, weil man beim liegen gebliebenen E-Auto keine Handbremse mehr lösen, keine Kupplung mehr treten und mit keinem Schaltknüppel mehr den Gang raus nehmen kann. Alles valide Vorbehalte, und dazu kommen noch unberechtigte Kritikpunkte wie der Quatsch um das TUM-Whitepaper.

Deswegen: Your mileage may vary. Dies ist meine Meinung, Deine kann ganz anders sein.

Für mich gibt's jedenfalls kein Zurück mehr.

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